× Diese Webseite verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Seite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Einzelheiten entnehmen Sie bitte den Datenschutzbestimmungen.

Beefscouts

Der Fleischblog

Zu Besuch beim Vogelsberger

Alex geschrieben am 17.06.2017

Kommen wir heute zum vorerst letzten Besuch meiner Reise quer durch Deutschland. An Tag 11 meiner Suche nach dem besten Fleisch habe ich Halt in Romrod-Zell gemacht und war zu Besuch beim Vogelsberger. Der Vogelsberger ist unter anderem Züchter für Berkshire-Schweine und Wagyu-Rinder. Ob ich hier bei meiner Suche nach dem besten Fleisch fündig geworden bin? An dieser Stelle ein ganz klares und einfaches "Ja"! Die Antwort ist einfach doch die Frage nach dem Warum, die möchte ich Euch gerne im Folgenden beantworten.

Ich muss ja sagen, dass ich auf meinen Reisen schon so einiges erlebt habe, doch was ich hier erlebt habe, das hat das Ganze nochmals auf ein anderes Level gebracht. Niemals zuvor habe ich Menschen getroffen, die mit Ihren Tieren so vertraut waren, wie Steffen und Ulrike. Die Bindung, die ich hier zwischen den Tieren und den Menschen beobachten durfte, war eine ganz besondere. Das war der Wahnsinn. Ich weiß ich spreche viel in Superlativen, doch der heutige Besuch war definitiv einer. Ich möchte mich bereits an dieser Stelle dafür bedanken, das mich Ulrike und Steffen so herzlich empfangen haben und so tief in den Hof integriert haben, wie ich es niemals zuvor erlebt habe. Ich meine, ich stand mitten in einer Wagyuherde und konnte die Tiere streicheln, auch die Berkshire-Schweine. Alle Tiere auf diesem Hof waren ja sowas von zutraulich und überhaupt nicht scheu mir gegenüber. Das war ein Gefühl, wie ich es kaum beschreiben kann. Danke, dass ich das erleben durfte.

Fangen wir aber erst einmal von vorne an. Lasst mich kurz die Menschen hinter "Der Vogelsberger" vorstellen und deren Philosophie erklären. Steffen Schäfer ist eigentlich schon sein ganzes Leben Bauer und Viehwirt. Er ist gelernter Metzger, Fleischer und ist Deutschlands erster Fleisch-Sommelier-Meister. Im Jahre 2002 gründete er den Betrieb "Der Vogelsberger" und bot anschließend Fleisch- und Wurstwaren aus eigener Schlachtung und Herstellung auf verschiedenen Wochenmärkten in Frankfurt an. Damals bestand die Herde aus ein paar Angusrindern und Berkshire-Schweinen. Seit 2008 hat er sein Portfolio aber erweitert und züchtet seitdem auch Wagyu-Rinder. Steffen war damals auch einer der Mitbegründer des Wagyu-Verbandes-Deutschland. Damals wie heute setzt Er bei der Aufzucht und der Haltung neue Maßstäbe und forscht und entwickelt immer weiter an dem perfekten Fleisch. Steffen ist ein Bauer/Züchter mit ganz viel Herz und Seele und der größten Liebe zum Tier. Bei alldem wir Er begleitet von seiner Lebensgefährtin Ulrike Kalb. Sie ist ebenfalls Bäuerin/Züchterin mit ganz viel Herz und Seele. Ihre Ideale und Meinungen zu gutem Fleisch setzt Sie konsequent um. Sie ist die gute Seele des Betriebes und zuständig für den Verkauf und das Marketing, unterstützt Steffen aber auch mal im Stall, wenn es gerade viel zu tun gibt. Sie ist es auch, die regelmäßig zu den Wochenmärkten fährt und die Kunden vor Ort berät und mit gutem Rat zur Seite steht. Wenn man den beiden so zuhört, dann merkt man schnell, dass Sie ein sehr gut eingespieltes Team sind, die absolut homogen miteinander harmonieren. Das hat mir wirklich sehr viel Spaß gemacht, den beiden zu zuhören. In Sachen Kompetenz und Wissen haben beide eine Menge auf dem Kasten. Ihr solltet die beiden echt mal kennen lernen.

Nach einer sehr offenen und herzlichen Begrüßung führte mich Ulrike erst einmal in den Ochsenstall. Der Vogelsberger Ochsenstall ist die neue Eventlocation auf dem Hof von Steffen und Ulrike. Hier finden unter anderem exklusive und außergewöhnliche Grillevents statt oder auch Zerlegeseminare. Ein weiteres Detail vom Ochsenstall das gleich ins Auge fällt, wenn man diesen betritt, ist die eigens entwickelte Reifekammer. Durch ein großes Sichtfenster kann man dem Fleisch hier förmlich beim reifen zusehen. Das ist natürlich ein toller erster Eindruck nach dem betreten und gleich mal ein Highlight. Ich muss ja sagen, aber das wisst Ihr ja auch, das ich bei einem solchen Anblick immer ganz schwach werde und manchmal auch meine guten Manieren verliere. Dann kann es halt auch mal passieren, dass mir die Sabber aus dem Mund läuft. Das ist dann so ein unbewusster Reflex von mir den ich dann nicht kontrollieren kann. Für mich persönlich ein weiteres Highlight, die Einrichtung des Ochsenstalls. Die Stühle die hier stehen, sind mit echtem Wagyufell überzogen. Das finde ich schon sehr krass, hat aber einen einfachen Hintergrund, den mir Ulrike dann auch erklärte. Die Tiere werden hier zu 100% verarbeitet, das bezieht die Felle natürlich mit ein. Das bezieht sogar die Knochen mit ein. Hier im Ochsenstall hängen tatsächlich ein Paar echte Köpfe von Wagyu-Rindern rum, natürlich präpariert. Beeindruckend. Beeindruckend war auch, die Erklärung von Steffen zu den Köpfen. Mir war hier nämlich aufgefallen, dass die Köpfe hier alle noch behornt waren. Bei vielen anderen Bauernhofbesuchen waren die Tiere meist hornlos. Damit wollte man Verletzungen der Tiere untereinander vermeiden, so erklärte man es mir damals. Warum das eigentlich aber Tierquälerei ist, das erklärte mir Steffen dann an dem Kopf. Die Hörner vom Tier bestehen zu 100% aus organischem Material und sind mit ganz vielen Nervenbahnen und Poren durchzogen. Schneidet man diese ab, ist das praktisch so, als würde man dem Tier ein Ohr abschneiden oder die Nase, oder, oder, oder. Nach Meinung von Steffen wird diese Quälerei wohl spätestens in 2-3 Jahren verboten werden, denn einigen Veterinären ist das ganze Verfahren wohl ein riesen Dorn im Auge, der unbedingt entfernt werden muss. Nachdem ich dieses Wissen nun vermittelt bekommen habe, stimme ich Steffen voll und ganz zu. DIESE TIERQUÄLEREI MUSS AUFHÖREN!!!!!!!! SOFORT!!!!!!!!!

Dass man mit den Tieren auch anders umgehen kann, das beweist Steffen mit seiner Art der Haltung. Auch wenn ich im Vorfeld immer dachte, dass das Tierwohl bei all meinen Besuchen immer im Vordergrund stand, so kann ich nun sagen, dem war leider doch nicht immer so. Wie 100% Tierwohl geht, das habe ich heute erfahren und neu erlernt. Nehmen wir zum Beispiel die Berkshire-Schweine bei denen ich im Gehege war. Die hatten genug Auslauf und konnten sich in Ihrem Gehege frei bewegen, sonnen und auch suhlen. In dem abgezäunten Areal vor dem Ochsenstall lagen zwei richtig dicke Exemplare, ein Eber und eine Dame. Exemplarisch wurde mir bereits hier schnell vermittelt, dass man einen gesunden Umgang mit den Tieren pflegt und die mehr Familie sind, als irgendein bedeutungsloses Vieh. Die ließen sich problemlos streicheln und haben sich von mir auch nicht aus der Ruhe bringen lassen. Normalerweise ergreifen die Tiere vor mir ja immer die Flucht. Die haben das wohl so im Instinkt, das ich denen sprichwörtlich ans Fell möchte oder wie in diesem Fall ans Kotelett und den dicken Schinken. Hier war das aber ganz anders. Die ließen sich nur durch ein wenig Futter aus Ihrer Komfortzone bewegen. Dann ließen Sie sich aber problemlos streicheln und sogar von Steffen massieren. Ähnliches habe ich im Anschluss daran dann auch im Rinderstall erlebt. Als Ulrike zu mir sagte "Komm, wir gehen mal zu den Rinden in den Stall" hätte ich ja gedacht, wir gehen in den Stall. Ich hätte aber nicht gedacht, dass Sie sprichwörtlich meinte, wir gehen "IN" den Stall. Tatsächlich befand ich mich aber wenig später in mitten der Stallung, direkt bei den Tieren, also praktisch in Ihrem Kreis, unter Ihnen. So nah war ich den Tieren noch nie. In dem Moment war ich sehr demütig. Das war schon ein erhabenes Gefühl so direkt unter den Tieren. Auch diese Tiere haben sich nicht aus der Ruhe bringen lassen und auch nicht viel an mir gestört. Ich meine natürlich war da anfangs eine kleine Skepsis, doch nach einer Weile war die schnell abgelegt und die Tiere zeigten echtes Interesse an mir. Da gab´s dann auch mal einen Kuss von der Kuh oder die Zunge in den Nacken. Sogar die kleinen Kälber wurden nach einer Weile vertraut mit mir. Süß die kleinen. Ihr glaubt gar nicht, was Rinder für eine Sozialverhalten untereinander haben. Ähnliches hatte ich auch schon mal auf anderen Hofbesuchen gesehen, doch hier war das Sozialverhalten besonders ausgeprägt. Auch Steffen und Ulrike gegenüber. Die Tiere haben Steffen förmlich aus der Hand gefressen und Ihm voll und ganz vertraut. Leute, das war echt beeindruckend für mich. Nebenbei merkte Ulrike dann auch an, dass ich gerade praktisch in Nähe eines 1000 Kilo schweren Bullen stehen würde. Kurz erschrocken sah ich mich dann auch um und stellte fest "Hey, da steht ein 1000 Kilo schwerer Bulle mit Hörnern auf dem Kopf!". Doch zu meiner Überraschung war dieser voll entspannt und interessierte sich praktisch null für mich. "Puh, Glück gehabt!" Damit wollte Ulrike mich nur kurz aufziehen, denn anschließend erzählte Sie mir, dass der Bulle genau so umgänglich ist, wie alle anderen Tiere auch. Das hätte ich vorher niemals geglaubt, doch nach dem was ich hier erlebt habe, habe ich Ulrike das schnell geglaubt. Ich könnte ja jetzt schon wiedersagen, dass ich schwer beeindruckt war, aber ich glaube, dass habe ich bereits 10-mal zuvor schon geschrieben. Deswegen lass ich es jetzt erst mal.

Doch, einmal schreib ich es nochmal. Ich bin wirklich schwer beeindruckt von den Erlebnissen des heutigen Tages. Diese Vertrautheit zu den Tieren habe ich niemals zuvor erlebt. Hier wird Tierwohl "wirklich" gelebt. Dieser Besuch hebt meine Vorstellung der Tierhaltung auf ein ganz anders Level. Ich meine, es ist nicht nur die Art, wie die Tiere hier gehalten werden, es ist auch die ganze Einstellung von Steffen und Ulrike. Es ist die Art und Weise, wie die beiden die Themen angehen und den Hof verwalten. Ökologie und Nachhaltigkeit sind für beide eine wichtige Verpflichtung. So setzen Sie unter anderem auch auf erneuerbare Energien. Diese Verpflichtung beinhaltet auch, dass bei der Nutzung der Acker- und Weideflächen ein ökologischer Kreislauf eingehalten wird. So benutzt Steffen keinen künstlichen Dünger, sondern bringt auf den Feldern nur die Gülle und den Mist aus, den die Tiere produziert haben. Die 100%tige Verarbeitung der Tiere gehört natürlich auch dazu. Diese Einstellung der Ökologie und Nachhaltigkeit alleine ist es mir Wert, nur so mit Superlativen um mich zu werfen. Das war wirklich ein ganz besonderer Besuch für mich und ein toller Abschluss meiner Reise quer durch Deutschland.

Ach ja, hätte ich beinahe vergessen. Wir haben natürlich auch gegrillt und ein bisschen Fleisch vom Berkshire-Schwein gegessen. Und!!! Ich habe sogar ein Ribeye vom Vogelsberger Weideochsen mit nach Hause bekommen. Das habe ich dann nach meiner Ankunft am Abend sogar noch direkt zubereitet. Mit dem Gefühl und den Eindrücken des Tages war dieses natürlich besonders schmackhaft. Vielleicht veröffentliche ich meine Meinung dazu ja irgendwann. Vielleicht belasse ich es aber auch und verzeichne das einfach mal unter privatem Vergnügen. Bewertet habe ich es jedenfalls. Nur so zur Sicherheit.

An dieser Stelle möchte ich mich abschließend nochmal bei Steffen und Ulrike bedanken. Was Ihr mir hier gezeigt habt, das war wirklich ein ganz besonderes Erlebnis für mich. Ihr seid zwei ganz tolle und sympathische Menschen mit einem ganz tollen Verhältnis zum Tier und zur Natur. Euer Hof ist ein Musterbeispiel in Sachen Nachhaltigkeit. Mein Hofbesuch bei Euch hat meine Art die Dinge zu sehen verändert. Ich nehme ganz viel von Euch und Eurem Hof mit und bedanke mich recht herzlich für den Empfang.     

Weitere Fotos


Das könnte Sie auch interessieren